Geschlossene Gesellschaft

Der Winter geht in den Hochsommer über und im Rappen wird wieder gesessen, gefeiert, gefeuert. Ausgewintert war fix und hergerichtet dank der tatkräftigen Hilfe der auftreiberten Orga aus dem geheimnisvollen BOA auch.

Feuerschale im Hof

Wir bedanken uns bei den Veranstaltern, den Essern und den Besuchern – auch für uns wars ein schöner Abend, der länger ging, als wir eigentlich vorgehabt hatten.
Wir sind einer Wiederholung beizeiten nicht abgeneigt.

Im Winterschlaf

Putz-ig.
Putz-ig.

Der Rappen hat Winterschlaf. Keine Heizung. Undichtes Dach. Offene Fenster und Türen. Es ist kalt. Es zieht. Es ist sehr – ruinös. Und so schläft der Rappen noch einen langen, nicht enden wollenden Winter weiter, wie er die all die letzten Jahre verschlafen hat.

Das Wasser ist abgestellt und tropft im Keller vor sich hin, und nur das Internet läuft weiter und versorgt uns noch mit Katzenbildern von Nachbars Katze, die wie eh je auf „ihren“ Rappen aufpasst.

Einstweilen winterts und alles geht seine Gänge.

Die Rappengäste gucken neugierig durch die Fenster nach drinnen.
Der Bauzeichner zeichnet.
Der Denkmalschützer schützt.
Der Stadtbaumeister baut.
Der Bankdirektor rechnet.
Die Wirtin sitzt  im Warmen und träumt.

Kurz: Wir alle lernen: Gut Bau will Weile haben.

Gipfeltreffen

Und während wir alle auf den Frühling warten, wird der Rappen bald schon wieder bekocht und befeiert werden.

Gerüchte sagen allerdings, dass die Türe strenger sein wird als das selige P1 in München und die feierwütige Posse aus einem handverlesenen Kreis von ECGA-Trägern und LP-Fans bestehen wird.

Einstweilen ist nach vielen Rundgängen, Ortsterminen und Gesprächen ein schöner Ordner voller Zeichnungen entstanden, die grade ihren Weg durch die vielen Instanzen nehmen und, wer kann das schon sagen, vielleicht noch einmal eine Ehrenrunde dreht, bis dass der Bauzaun wieder kommt.

Solides Mädchen gesucht

Unter vielen Tapetenschichten kommen immer wieder alte Zeitungen zum Vorschein. Früher™ hat man das so gemacht – erst die Zeitung von Gestern, dann die Tapete an die Wand.
An der Wand vor seinem Schreibtisch fällt der Blick des geneigten Arbeiters immer wieder darauf:

Solides Mädchen für Küche und Haus bei sehr gutem Lohn gesucht…

Die Zeitung stammen aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und sind in vielerlei Hinsicht eine Zeitreise. Und während man ein solides Mädchen in Küche und Haus noch immer gut gebrauchen kann, frage ich mich oft, ob die paar „neue Matratzen“ in Söndergröße wohl schlussendlich ihre Abnehmer gefunden haben mögen, ehe die Augen wieder auf die präsentation der täglichen Projekte auf dem Monitor zurückfinden.

Alles! Muss! Raus!

Der Rappen hat schon den ein oder anderen Besitzerwechsel in seiner Vergangenheit erlebt. Letztens hat die Wirtin gar das Brauequipment versteigern lassen:

Die Augsburgische OrdinariPostzeitung schreibt am 1. May, anno 1816:

alles muss raus

Barbara Leser, verwittwete Rabenwirthin dahier, gedenkt nachstehende Gegenstände aus freyer Hand an die Meistbietenden zu verkaufen, als:

  1. Ein ganz gut gemauerts und gewölbtes Bräuhaus mit Walzrennen und Schweig
  2. eine kupferne 16 Schuhe lange und 9 Schuhe breite Satteldarre
  3. eine Bräupfanne 4 1/2 Schuhe breit und 2 Schuhe 9 Zoll tief
  4. einen Hopfenfeiger
  5. ein Ihrgeschirr mit eisernen Reifen
  6. eine steinerne Weich zu 6 Schäffel
  7. einen steinernen Grand 5 Schuhe 7 Zoll lang und 2 Schuhe breit
  8. eine ganz neue Kühle 18 Schuhe lang und 13 breit
  9. mehrere Stell- und andere Bierfässer jeder Gattung
  10. verschiedene Bräu- und Haugeräthschaften.

Zur Versteigerung dieser Objekte will man am Samstag den 22. l. M. in dem Wirthshausgebäude der Verkäuferin anberaumet haben, an welchem Tage Frühe Morgens 8 Uhr die Käufer sich daselbst einzufinden belieben wollen. Mindelheim, den 12. Jun. 1816.
Königlicher Advokat Oppert.

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Wenn einer der Käufer noch was davon im Keller hat: Die Satteldarre, den Hopfenfeiger und die Bräupfanne würde die Rappen-Braugemeinde anno 2017 gerne zurückkaufen.

Rappenverkäufe – 1737

Die Bierstube zum Rappen war früher immer wieder auch der „Rabenwirth“. Wenn man in den Archiven so liest, wars wohl nie die feinste Adresse, und manchmal musste dann halt auch verkauft werden – oder aber schnell die Wirtstochter unter die Haube gebracht:

(Transkript, mit Dank an den Mindelheimer Stadtarchivar Andreas Steigerwald:)

Supplication: Balthasar Groz, Schreiner und Anwaldt der Andreas Kirchmayrs Hausfrau erscheint vor Rhat und bittet gehorsamblich, mit Verkhauffung der Rappen-Wirthschafft einen 4-woechentlichen obrigkeitlichen Stillstand zue halten, in welcher die vorhandene loedige Tochter ainen Heyraths-Anstand hierauf bekhommen möchte, womit die Schuldner contentiert würden.
Resolution: Die Dillation solle auf 4 Wochen zuegestanden, entgegen sye gehalten und schuldig seyn, auf Mitl und Weeg zuetrachten, damit die Schuldner bezahlt werden.

Kurzum: Die Besitzerin hat 1737 um Aufschub des Zwangsverkaufs gebeten, um in vier Wochen die ledige Tochter zu verheiraten, um mit der Mitgift die Schulden zu bezahlen.

 

Archivalische Quelle: STAMind., Inv.-Nr.: II A 1 (1737): „Rhats-Protocoll
der Churfürstlich-Bayrischen Statt Mündelhaimb pro anno 1737“

Besuch vom Stadtarchivar

Ziemlich bald nach dem Kauf des Rappen habe ich den Stadtarchivar angerufen und ihn um historisches Material über das Haus gebeten. Seinerzeit war der Zugang zum Archiv aufgrund von Baumaßnahmen am Ende der Maximilianstraße verschlossen und ich saß die letzten Wochen ziemlich auf Kohlen. Aber heute war es endlich soweit: Herr Steigerwald kam mit einer bunten Tüte an Informationen zu Besuch. Die gute Nachricht: Ich habe eine chronologisch sortiere, namentliche Auflistung der Vorbesitzer des Rappen. Die schlechte Nachricht ist sokratischer Natur: Ich weiß nun, was ich alles nicht weiß. Oder besser gesagt: Ich weiß nun, dass ich mich auf den Hosenboden setzen und mächtig recherchieren muss, um all die zahlreichen Lücken zu schließen, die heute diese eine große abgelöst haben. Bis dato war die Historie ein großes schwarzes Loch. Seit heute blinken überall ein paar Lichtlein, die aber nicht den gesamten Raum ausleuchten. Die für einen Menschenfreund wie mich interessantesten Quellen sind soziologischer Natur und leider nur spärlich gesät. Trotzdem bin ich dem Herrn Archivar überaus dankbar für seine Arbeit, die noch lange nicht zu Ende ist.

Insgesamt 20 Quellen hat Herr Steigerwald bisher untersucht.

Hier ist die erste:

1750

Auf welche Quelle könnte hier wohl zurückgegriffen worden sein?

Auf den Fiskus natürlich: die „Gewschohrne Steurbeschreibung der Churfürstlichen Statt Mündelheim anno 1750“

Der Rappen wurde seinerzeit auf 1000 Gulden geschätzt und sein Besitzer, der Herr Antonj Kerckher musste seinerzeit 2 Gulden und 30 Kreuzer an jährlicher Steuerabgabe abdrücken.  Das war nicht wenig.

Damals trug der Rappen die Hausnummer 125. Straßennamen gab es nur vereinzelt und die Häuser der Stadt wurden einfach durchgezählt und nummeriert. Dies führte dazu, dass der Rappen mehrfach seine Hausnummer wechselte. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts bekam er verbindlich eine Straße mit entsprechender Straßennummer zugewiesen, die Kappelgasse 2.

 

Neue Gastlichkeit

Die letzten 15 Jahre hat der Rappen nur gelegentliche Besucher beherbergt, die Kritzeleien an den Wänden geben Zeugnis und erzählen Geschichten, vom Satan, von Angst oder von der Zeichenwut der Besucher. Bier jedoch wurde hier schon länger nicht mehr ausgeschenkt.

Gedeckte Tische im Rappen

Und so war es an der Zeit, mal wieder die Tische zu decken und ein Fässchen aufzumachen.

Fassbier im Rappen

Was zunächst als gediegener Abend im Kreis geladener Gäste begann, wurde vom elitären Zirkel zu einem ungeplanten Spontanevent mit einer nicht unerheblichen Zahl von Gästen, als die ersten Zaungäste von Draussen durchs Fenster spähten und Einlass begehrten. Kurz und gut: Das Essen ging auf, das Fass wurd leer, und die illustre Runde der geladenen und ungeladenen Gäste hätte am liebsten gleich einen Stammtisch eingerichtet.

Grundlagenbüffäh

Die Rappenwirtin hats gefreut, das Haus nach seinem viele Jahre dauernden Dörnröschenschlaf wieder mit Leben erfüllt zu sehen.

Dem Herrn mit dem rostigen Toyotabus blieb der Kehraus: Kippen, Zigarettenschachteln (Jungs: Wer hat die volle Packung verloren?), Flaschensammeln und ein weiteres Fenster zu vernageln, an das sich wohl ein unachtsamer Besucher etwas zu fest gelehnt hatte.

Der Regen bringt es an den Tag

Der Regen bringt es an den Tag: Es tropft auch nach der notdürftigen Flickaktion noch ein wenig durchs Dach. Der Deckenputz ist ab, die Deckenlattung durchlässig und so helfen nun zwei Eimer im Obergeschoss, dass das feuchtelnde Mauerwerk des Rappen erstmal weiter in der Sonne trocknen kann.

Regen
Regensammler im Westzimmer

A man’s best friend…

Unsere Freunde Hammer und Hammer

Es summt und kracht und rumpelt im Haus.

Die Freunde Hammer und Hammer machen Krach und Staub und füllen den Container vor dem Haus mit Putz. Tapeten, Staub und Schimmel sind die Gegner. Holzecken aus Holzimitat, Styropor und Verbundmaterialien säumen den Weg.

Was unter dem Putz zum Vorschein kommt, ist oft vielversprechend und insgesamt besser erhalten als erwartet.

Baugeheimnisse

Ein Haus mit Vergangenheit ist ein Haus mit Überraschungen, die beim Putzklopfen zwangsweise zum Vorschein kommen. Irgendwann wurde das Haus zur Straße zur Südseite hin, und irgendwann auch zur Ostseite in Richtung Korngasse hin erweitert – der Knick in der Dachschräge zeigts von aussen.

Eine Zimmerdecke – zwei Deckendielen- und Putzvarianten. Links im Bild der neue Teil mit Schilfmattenputz

Im Haus innen sieht das in den Räumen im Obergeschoss der Südseite so aus, dass sich zwei verschiedene Putzvarianten (aufgerauhte Deckenlatten und klassischer Schilfputz) quer durch die Zimmerdecke ziehen und man in der ehemaligen Ostwand noch die alte Form der Grundmauer zur Kornstrasse hin erkennt.

Ehemalige Außenwand der Südseite zur Kornstraße hin. Rechts unten in der erweiterten Mauer die Reste eines dort installierten Waschbeckens.
Dachtraufe heute in gleicher Form – nur etwas nach Süden und um einiges nach oben verschoben.

Daneben kam beim Putzabschlagen an der ehemaligen Ostwand, heute mitten im Haus, ein Fenster oder eine Blendnische zutage, die der Farbgebung nach irgendwann vor der Jahrhundertwende mal Plan mit der Wand vermauert wurde.

Vermauertes Portal der ehemaligen Aussenwand der Ostseite

Für mich ist unklar, ob ich hier vor einer mit Vollziegeln vermauerten Blendnische oder vor einem ehemaligen Fenster stehe.

Blendnische oder ehemaliges Fensterportal in Richtung Osten zur Kornstrasse vor der Verlängerung des Hauses nach Abtrag der Nischenvermauerung. Darunter wieder verputzte Ziegel.
Dachtraufe

Auf der Südseite findet sich auch noch ein altes Fenster, das seinerzeit wohl auch ohne viel Federlesen und vor allem ohne den alten Putz zu entfernen vermauert wurde.

Ehemaliges Fenster zur Kappelgasse

Das Fenster in der Südwand wurde offenbar in zwei Stufen vermauert, meine Vermutung ist, dass das Haus zuerst nach Süden und erst später nach Osten erweitert wurde und der Fensterbogen nach der Erweiterung des Hauses Richtung Osten vermauert wurde. Schade, dass es keine historischen Ansichten der verschiedenen Ausbaustufen gibt. Eine Anfrage beim Stadtarchiv ist gestellt – vielleicht geben die Unterlagen hier mehr zur Zeitstellung der diversen Erweiterungen her.

Wir klopfen einstweilen weiter und lassen uns weiter überraschen – es gibt viel maroden Putz und eine ganze Reihe durch den Putz erkennbarer alter Fensterbögen und Mauerstöße im Haus.