Wir haben Wasser

Bauwasser. Nur Bauwasser. Immerhin Bauwasser. Auf Anraten des freundlichen Mannes vom Wasserwerk „vorerst bitte nur“ Bauwasser. Ich mag die Männer vom Wasserwerk. So wie ich auch die meisten Männer vom Bauhof mag. Die wirken immer so aufgeräumt. Das liegt vielleicht auch daran, dass sie ganz genau wissen, dass ohne sie nichts läuft. Diese Männer haben in meinen Augen die geringste Affinität zu Sinnkrisen. Wenn mal etwas nicht so läuft, mault man halt mal rum, trinkt vielleicht am Abend ein Bierchen mehr und dann isses aber wieder gut. Beneidenswert. Dieses Maß an unspektakulärer Unkompliziertheit. Das mag jetzt freilich auch einfach nur meiner geschlechtsspezifischen Wahrnehmung geschuldet sein. Am Ende des Tages ist womöglich jeder Mann so, wenn man ihn nur lässt? Und wenn die dramenbehafteten Damen mit der Zeit weder fad noch hysterisch werden? Hilfe, Gedankenexkurs! Schnell zurück zum Wasser:

Der Wasseranschluss befindet sich – wie das flüssige Gold – ebenfalls im schimmligen Gewölbekeller. Falls sich jemand fragt, wo im Sommer die ganzen Mücken herkommen – voilá. Hier befindet sich eine der führenden Produktionsstätten Mindelheims. Feucht und ungestört kann hier die neue Generation heranwachsen. Die Generation Blutsauger. Doch ein weit faszinierenderes Element dieses Kellers ist die Bierluke: Ein mit einer in den Bürgersteig eingelassenen Eisenklappe abgedecktes Loch vor dem Haus, durch das man früher die Fässer nach unten gerollt hat. Auch die Kühlanlage befindet sich noch vor Ort. Allerdings hat der Zahn der Zeit schon etwas Lack abgenagt und durch Rost ersetzt, der farblich immerhin sehr facettenreich daherkommt.

Als mir unweigerlich die Frage in den Sinn kam, wie ich denn dieses Ding nach oben kriegen kann, um es zu entsorgen, schickte ich schnell eine Botschaft an das Entscheidungszentrum meines Gehirns, welches dafür sorgte, dass sich mein Körper und mein Blick wieder dem neuen Wasserhahn zuwandten. Dem wunderschönen, neuen Bauwasserhahn. Ich füllte einen Eimer mit Wasser und trug ihn nach oben in die Damentoilette. Im Vergleich zum Männerklo war diese noch relativ gut in Schuss. Auf dem Männerklo sah es wüst aus. Die Kloschüssel wurde herausgerissen, der Kondomautomat aufgebrochen und die rote Tapete hing von der Wand. Das einzig versöhnliche Element dieser Räuberhöhle war das Schild an der Tür. Signori.  Süß. Das hatte vermutlich der letzte Pächter des Rappen, ein italiensicher Gastwirt angebracht. „La Grotta“ hieß das Lokal seinerzeit. Wie dem auch sei. Die Grotta hat jetzt Wasser. Halleluja. Das war der erste Schritt zurück in die Zivilisation. Mögen die anderen bald folgen.

Zwischen Größenwahn und Idealismus

St. Silvester in Mindelheim
St. Silvester in Mindelheim

ist kein schmaler Grat, sondern ein dünnes Seil, das zwischen der Silvesterkirche und der Jesuitenkirche gespannt ist und auf dem ich freischwebend tanze – getragen von der Thermik der Euphorie. Den Blick auf den Boden der Realität wage ich an dieser Stelle besser nicht, denn er könnte dafür sorgen, dass mir schwindlig wird und mir am Ende das gleiche Schicksal blüht wie jedem physischen Körper irgendwann: Er fällt parabelförmig zu Boden, wenn die Schwerkraft siegt. Ein wenig ohnmächtig bin ich ohnehin schon, seit ich gestern die ersten Wannen mit Bauschutt durchs Haus geschleppt habe. Gestern war auch der erste Tag, an dem mich Freunde in meiner neuen Errungenschaft besucht haben. Mein Freund Peter, der eigentlich mit allen Wassern gewaschen ist, sah mich an und fragte: „Kann man Dich rückwirkend entmündigen?“ Er war bleich. Und er wirkte auf mich, als könne und wolle er sich noch nicht so recht entscheiden, ob er Mitleid oder Ehrfurcht haben solle. Glücklicherweise nahm ihm der Schock den Entscheidungsdruck ab und er war einfach nur stumm. Ein anderer Freund ging kopfschüttelnd durchs Haus, lachte, murmelte etwas von „großem Tennis“ und nahm mich in den Arm. „Du machst das“, sagte er. Puh, das tat gut! Dann setzten wir uns mit einer Flasche Rössle-Bräu auf die Straße und saugten ein wenig Sonne auf. Wir fragten uns, ob Herr Kunz aus Ummenhofen, der Schöpfer des köstlichen Hopfengetränks, bereit wäre, aus dem Rössle einen Rappen zu machen. Ein namentlich zugeschnittenes Bier fürs Wirtshaus wäre fast schon zu dekadent um wahr zu sein. Kurze Zeit später kam mein Liebster mit unserem rostigen Toyota-Bus angerollt. Wenn das Geräusch der seitlichen Schiebetür unmittelbar auf das Zuknallen der Fahrertür folgt, ist meistens was im Busch. In diesem Fall hatte er – wie so oft –  nur mal wieder die gleiche Idee wie ich: Getränke und Proviant einlagern. Mengenmäßig spielte er allerdings – wie so oft – mal wieder in einer anderen Liga. Bauarbeiter wollen schließlich gut versorgt sein. Größenwahnsinnige Hausbesitzerinnen auch. Und so wanderten die ersten Getränkekisten in den schimmligen Gewölbekeller. Jetzt brauchen wir nur noch Strom, damit das Getränkeholen in Zukunft auch ohne Taschenlampe geht.