Zwischen Größenwahn und Idealismus

St. Silvester in Mindelheim
St. Silvester in Mindelheim

ist kein schmaler Grat, sondern ein dünnes Seil, das zwischen der Silvesterkirche und der Jesuitenkirche gespannt ist und auf dem ich freischwebend tanze – getragen von der Thermik der Euphorie. Den Blick auf den Boden der Realität wage ich an dieser Stelle besser nicht, denn er könnte dafür sorgen, dass mir schwindlig wird und mir am Ende das gleiche Schicksal blüht wie jedem physischen Körper irgendwann: Er fällt parabelförmig zu Boden, wenn die Schwerkraft siegt. Ein wenig ohnmächtig bin ich ohnehin schon, seit ich gestern die ersten Wannen mit Bauschutt durchs Haus geschleppt habe. Gestern war auch der erste Tag, an dem mich Freunde in meiner neuen Errungenschaft besucht haben. Mein Freund Peter, der eigentlich mit allen Wassern gewaschen ist, sah mich an und fragte: „Kann man Dich rückwirkend entmündigen?“ Er war bleich. Und er wirkte auf mich, als könne und wolle er sich noch nicht so recht entscheiden, ob er Mitleid oder Ehrfurcht haben solle. Glücklicherweise nahm ihm der Schock den Entscheidungsdruck ab und er war einfach nur stumm. Ein anderer Freund ging kopfschüttelnd durchs Haus, lachte, murmelte etwas von „großem Tennis“ und nahm mich in den Arm. „Du machst das“, sagte er. Puh, das tat gut! Dann setzten wir uns mit einer Flasche Rössle-Bräu auf die Straße und saugten ein wenig Sonne auf. Wir fragten uns, ob Herr Kunz aus Ummenhofen, der Schöpfer des köstlichen Hopfengetränks, bereit wäre, aus dem Rössle einen Rappen zu machen. Ein namentlich zugeschnittenes Bier fürs Wirtshaus wäre fast schon zu dekadent um wahr zu sein. Kurze Zeit später kam mein Liebster mit unserem rostigen Toyota-Bus angerollt. Wenn das Geräusch der seitlichen Schiebetür unmittelbar auf das Zuknallen der Fahrertür folgt, ist meistens was im Busch. In diesem Fall hatte er – wie so oft –  nur mal wieder die gleiche Idee wie ich: Getränke und Proviant einlagern. Mengenmäßig spielte er allerdings – wie so oft – mal wieder in einer anderen Liga. Bauarbeiter wollen schließlich gut versorgt sein. Größenwahnsinnige Hausbesitzerinnen auch. Und so wanderten die ersten Getränkekisten in den schimmligen Gewölbekeller. Jetzt brauchen wir nur noch Strom, damit das Getränkeholen in Zukunft auch ohne Taschenlampe geht.

Autor: Melanie Restle

Pädagogin und Übersetzerin in den End-Dreissigern. Connaisseuse mit Liebe zum guten Essen, zum einfachen Leben und zu interessanten Menschen. Gebürtige Illuminatin im Allgäu-Exil. Deerstalkerin to become. Patchworkmama. Seit 2017: Abenteurerin in Sachen Renovierung und gelebter Baugeschichte einer 1744 zuletzt sanierten Altstadtschönheit in Mindelheim.

2 Gedanken zu „Zwischen Größenwahn und Idealismus“

  1. Jaaa, bin immer noch geflasht von dem, was ich da gestern zu sehen bekommen habe: was für ein tolles Projekt! Und: allen Respekt für den Mut, es anzugehen.

    „Bauen und Brauen“ oder doch lieber „Brauen und Bauen“ (manchmal ist spiegelverkehrt gar nicht so schlecht – Insider! ;-)).

    Sollte sich hier eine „Brau-Community“ mit guten Leuten zusammenfinden, bin ich gerne dabei. Ansonsten helf ich auhc mal beim Löcher bohren oder so … :-))

    Auf geht’s …..

  2. Liebe Melanie,
    „Congrats“ zum erworbenen Eigentum. Das bedeutete natürlich auch eine gewisse Stabilitas loci.
    Freu mich schon auf die Vollversammlung der Interessierten.
    Ich würde beim Bier nicht auf den Rössle setzen, sondern -selbst ist die Frau- versuchen recht bald ein eigenes zu brauen. Vielleicht kann damit ja informell der Bau etwas monetär unterstützt werden.
    „Bauen ist auf alle Fälle eine Lust“
    In diesem Sinne: „Geniess die Aufbruchsstimmung des Baubeginns!

    Einen Haufen Fortune wünscht Dir Robert

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