Alles! Muss! Raus!

Der Rappen hat schon den ein oder anderen Besitzerwechsel in seiner Vergangenheit erlebt. Letztens hat die Wirtin gar das Brauequipment versteigern lassen:

Die Augsburgische OrdinariPostzeitung schreibt am 1. May, anno 1816:

alles muss raus

Barbara Leser, verwittwete Rabenwirthin dahier, gedenkt nachstehende Gegenstände aus freyer Hand an die Meistbietenden zu verkaufen, als:

  1. Ein ganz gut gemauerts und gewölbtes Bräuhaus mit Walzrennen und Schweig
  2. eine kupferne 16 Schuhe lange und 9 Schuhe breite Satteldarre
  3. eine Bräupfanne 4 1/2 Schuhe breit und 2 Schuhe 9 Zoll tief
  4. einen Hopfenfeiger
  5. ein Ihrgeschirr mit eisernen Reifen
  6. eine steinerne Weich zu 6 Schäffel
  7. einen steinernen Grand 5 Schuhe 7 Zoll lang und 2 Schuhe breit
  8. eine ganz neue Kühle 18 Schuhe lang und 13 breit
  9. mehrere Stell- und andere Bierfässer jeder Gattung
  10. verschiedene Bräu- und Haugeräthschaften.

Zur Versteigerung dieser Objekte will man am Samstag den 22. l. M. in dem Wirthshausgebäude der Verkäuferin anberaumet haben, an welchem Tage Frühe Morgens 8 Uhr die Käufer sich daselbst einzufinden belieben wollen. Mindelheim, den 12. Jun. 1816.
Königlicher Advokat Oppert.

——————————–

Wenn einer der Käufer noch was davon im Keller hat: Die Satteldarre, den Hopfenfeiger und die Bräupfanne würde die Rappen-Braugemeinde anno 2017 gerne zurückkaufen.

Rappenverkäufe – 1737

Die Bierstube zum Rappen war früher immer wieder auch der „Rabenwirth“. Wenn man in den Archiven so liest, wars wohl nie die feinste Adresse, und manchmal musste dann halt auch verkauft werden – oder aber schnell die Wirtstochter unter die Haube gebracht:

(Transkript, mit Dank an den Mindelheimer Stadtarchivar Andreas Steigerwald:)

Supplication: Balthasar Groz, Schreiner und Anwaldt der Andreas Kirchmayrs Hausfrau erscheint vor Rhat und bittet gehorsamblich, mit Verkhauffung der Rappen-Wirthschafft einen 4-woechentlichen obrigkeitlichen Stillstand zue halten, in welcher die vorhandene loedige Tochter ainen Heyraths-Anstand hierauf bekhommen möchte, womit die Schuldner contentiert würden.
Resolution: Die Dillation solle auf 4 Wochen zuegestanden, entgegen sye gehalten und schuldig seyn, auf Mitl und Weeg zuetrachten, damit die Schuldner bezahlt werden.

Kurzum: Die Besitzerin hat 1737 um Aufschub des Zwangsverkaufs gebeten, um in vier Wochen die ledige Tochter zu verheiraten, um mit der Mitgift die Schulden zu bezahlen.

 

Archivalische Quelle: STAMind., Inv.-Nr.: II A 1 (1737): „Rhats-Protocoll
der Churfürstlich-Bayrischen Statt Mündelhaimb pro anno 1737“

Besuch vom Stadtarchivar

Ziemlich bald nach dem Kauf des Rappen habe ich den Stadtarchivar angerufen und ihn um historisches Material über das Haus gebeten. Seinerzeit war der Zugang zum Archiv aufgrund von Baumaßnahmen am Ende der Maximilianstraße verschlossen und ich saß die letzten Wochen ziemlich auf Kohlen. Aber heute war es endlich soweit: Herr Steigerwald kam mit einer bunten Tüte an Informationen zu Besuch. Die gute Nachricht: Ich habe eine chronologisch sortiere, namentliche Auflistung der Vorbesitzer des Rappen. Die schlechte Nachricht ist sokratischer Natur: Ich weiß nun, was ich alles nicht weiß. Oder besser gesagt: Ich weiß nun, dass ich mich auf den Hosenboden setzen und mächtig recherchieren muss, um all die zahlreichen Lücken zu schließen, die heute diese eine große abgelöst haben. Bis dato war die Historie ein großes schwarzes Loch. Seit heute blinken überall ein paar Lichtlein, die aber nicht den gesamten Raum ausleuchten. Die für einen Menschenfreund wie mich interessantesten Quellen sind soziologischer Natur und leider nur spärlich gesät. Trotzdem bin ich dem Herrn Archivar überaus dankbar für seine Arbeit, die noch lange nicht zu Ende ist.

Insgesamt 20 Quellen hat Herr Steigerwald bisher untersucht.

Hier ist die erste:

1750

Auf welche Quelle könnte hier wohl zurückgegriffen worden sein?

Auf den Fiskus natürlich: die „Gewschohrne Steurbeschreibung der Churfürstlichen Statt Mündelheim anno 1750“

Der Rappen wurde seinerzeit auf 1000 Gulden geschätzt und sein Besitzer, der Herr Antonj Kerckher musste seinerzeit 2 Gulden und 30 Kreuzer an jährlicher Steuerabgabe abdrücken.  Das war nicht wenig.

Damals trug der Rappen die Hausnummer 125. Straßennamen gab es nur vereinzelt und die Häuser der Stadt wurden einfach durchgezählt und nummeriert. Dies führte dazu, dass der Rappen mehrfach seine Hausnummer wechselte. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts bekam er verbindlich eine Straße mit entsprechender Straßennummer zugewiesen, die Kappelgasse 2.

 

Neue Gastlichkeit

Die letzten 15 Jahre hat der Rappen nur gelegentliche Besucher beherbergt, die Kritzeleien an den Wänden geben Zeugnis und erzählen Geschichten, vom Satan, von Angst oder von der Zeichenwut der Besucher. Bier jedoch wurde hier schon länger nicht mehr ausgeschenkt.

Gedeckte Tische im Rappen

Und so war es an der Zeit, mal wieder die Tische zu decken und ein Fässchen aufzumachen.

Fassbier im Rappen

Was zunächst als gediegener Abend im Kreis geladener Gäste begann, wurde vom elitären Zirkel zu einem ungeplanten Spontanevent mit einer nicht unerheblichen Zahl von Gästen, als die ersten Zaungäste von Draussen durchs Fenster spähten und Einlass begehrten. Kurz und gut: Das Essen ging auf, das Fass wurd leer, und die illustre Runde der geladenen und ungeladenen Gäste hätte am liebsten gleich einen Stammtisch eingerichtet.

Grundlagenbüffäh

Die Rappenwirtin hats gefreut, das Haus nach seinem viele Jahre dauernden Dörnröschenschlaf wieder mit Leben erfüllt zu sehen.

Dem Herrn mit dem rostigen Toyotabus blieb der Kehraus: Kippen, Zigarettenschachteln (Jungs: Wer hat die volle Packung verloren?), Flaschensammeln und ein weiteres Fenster zu vernageln, an das sich wohl ein unachtsamer Besucher etwas zu fest gelehnt hatte.

Der Regen bringt es an den Tag

Der Regen bringt es an den Tag: Es tropft auch nach der notdürftigen Flickaktion noch ein wenig durchs Dach. Der Deckenputz ist ab, die Deckenlattung durchlässig und so helfen nun zwei Eimer im Obergeschoss, dass das feuchtelnde Mauerwerk des Rappen erstmal weiter in der Sonne trocknen kann.

Regen
Regensammler im Westzimmer

Holz vor der Hüttn

In den letzten Tagen haben wir uns den ehemaligen Gastraum vorgeknöpft. Ein netter Hobbybrauer in spe rückte am Sonntag mit Schubkarren und Kuhfuß an und half mir, die Wandvertäfelung zu entfernen. Diese hatte sich über die letzten Jahrzehnte richtig schön vollgesaugt. Mein erster Impuls war, die Teile auszwringen. Die Wand freut sich sichtlich, war es ihr endlich wieder möglich zu atmen. Man konnte fast im Minutentakt beobachten, wie sie sich verfärbte und die Fäulnis wich.

Ohne Holzvertäfelung sah das Ganze zunächst so aus:

Von hängenden Schränken und hängenden Schultern

Der Einbau der Küchenzeile im Sala Conferenze ging natürlich nicht ganz ohne irgendeinen Fauxpas von statten. Die Madame war an jenem Abend schon sehr müde und der Monsieur und sie hatten Besuch von einem Freund, der auch schon länger mit der Brauerei liebäugelt und sich die Örtlichkeiten mal ansehen wollte. An jenem Abend floss natürlich auch schon der ein oder andere Tropfen des goldenen Saftes aus Ummenhofen. Es hätte so gemütlich sein können für den Monsieur und den Besuch, hätte sich die Madame nicht in den Kopf gesetzt, unbedingt noch die Hängeschrankzeile der Kücheneinheit zu montieren.

Der Monsieur und der Besuch meckerten ohnehin schon, weil dieser Hängeschrank – ja, ich muss ihnen leider beipflichten – nicht wirklich mit Schönheit übersät ist. Aber was soll´s. Während der Bauphase kann man auf eine gewisse Pragmatik nicht verzichten, denn würde man sich jetzt schon in den ästhetischen Details verlieren, wäre man vermutlich irgendwann so weit, dass man den Handwerkern einen Dresscode auferlegt, bevor sie zur Hilti greifen. Apropos Hilti: Die Madame hat dann kurzerhand die Abstände zwischen den Haken des Hängeschranks ausgemessen und wie von der Tarantel gestochen 8 Löcher mit dem Schlagbohrhammer in die Wand gehauen. Das hat den Besuch erstmal mächtig beeindruckt. Wirkte sie doch so entschlossen und hemdsärmlig mit ihrer frisch installierten Wasserwagen-App, dass man nicht ansatzweise wagte, den positiven Ausgang ihres Vorhabens in Frage zu stellen.

Umso mächtiger flog der Madame dann das Gelächter der Herren um die Ohren, als sie feststellte, dass sie die Löcher spiegelverkehrt in die Wand gebohrt hatte. Herrschaftszeiten! 50 Jahre Emanzipation beim Teufel. Den Klassiker aller Klischees bestätigt. In Gedanken lief sie vor einer mit mahnend erhobenem Krückstock folgenden Alice Schwarzer davon. Und sie tat etwas, was sie schon lange nicht mehr tat. Sie schämte sich. Sie schämte sich für ihre maßlose Ungeduld. Mehr noch für die mangelnde Selbsteinschätzung. Um Mitternacht sollte der Schlagbohrhammer einfach schlafen. Dann hängt halt der Schrank  erstmal nicht, sondern ruht eine Nacht auf der Küchenzeile.

Man bemerke übrigens die Holzvertäfelung der 80er Jahre. Die erinnert mich an meine Kindheit, in der jeder Hausbesitzer, der etwas auf sich hielt, eine Bar in seinen Partykeller zimmerte. Eine Bar im holzvertäfelten Raum. Die Bar im Keller ist mittlerweile out. Die Generation von heute baut lieber Pizzaöfen in den Garten. Ich bin mal gespannt, welche Trends sich im nächsten Jahrzent abzeichnen. Vielleicht ein Hochsitz im eigenen Garten?

Lärm auf dem stillen Örtchen

Nun da mit der Einrichtung des Baustroms der zweite Schritt in die Zivilisation getan war, konnten wir uns getrost einer weiteren großen gesellschaftlichen Errungenschaft widmen: Dem stillen Örtchen.

Dank des netten und weit über den Tellerrand blickenden Elektrikers aus Stetten, der obendrein noch Klempner ist, haben wir seit dem 4. Mai nicht nur Strom, sondern auch ein funktionierendes Klo. Die alte Signori-Herrentoilette wurde am selben Tag von den freundlichen Mitarbeitern des Elektroklempners in Betrieb genommen. Mühselig habe ich am Tag davor die alten Pissoirs abgeschlagen. Eigentlich wollte ich sie klassisch abmontieren – wie sich das eben gehört, wenn man eine gewisse Ehrfurcht hat vor der Ganzheit der gefertigten Dinge hat. Doch spätestens am Wertstoffhof hätte ihnen das gleiche Schicksal geblüht wie dann letztlich doch im Signori-Klo. Übrig bleibt am Ende nur ein Scherbenhaufen. Also folgte ich dem Rat des pragmatisch denkenden Elektroklempners und griff zum Hammer. Und ich kann nicht leugnen, dass mir das Abschlagen doch eine gewisse Freude bereitet hat. Eine befreiende Freude. Eine von der Art, die man empfindet, wenn man erfolgreich einen Pickel ausgedrückt oder sich anderweitig entledigt hat. Hier will ich nun aber gar nicht weiter ins Detail gehen.

Wirft man einen Blick auf die Pissoirs und richtet diesen etwas nach unten, wird das geschulte, männliche Auge eine Einrichtung erkennen, die vom Volksmund gern als „Piss-Rinne“ bezeichnet wird. Diese führte zumindest bei den bisherigen männlichen Besuchern zu leuchtenden Augen und löste Visionen aus, die für die Madame wie für alle anderen Frauenzimmer der westlichen Welt äußerst unangenehmer Natur sind. Denkt gar nicht daran, Männer! Jahrzente von sanitärer Zivilisationsgeschichte wären umsonst gewesen. An dieser Stelle muss ich an Norbert Elias denken, den Soziologen, der den Prozess der Zivilisation als „die Umsetzung von Fremdzwängen ins Selbstzwänge“ versteht. Das heißt, meine lieben Frauen, dass die Männer, die mehr oder weniger freiwillig zum Club der Sitzpinkler konvertiert haben, zwar ein Paradebeispiel für ein zivilisiertes Dasein darstellen, die Piss-Rinne aber folglich zum Symbol der längst überfälligen Revolution vieler Pantoffelhelden mutieren könnte und eine Gegenbewegung zur Emanzipation lostreten würde. Genug von den Horrorszenarien!

Jedenfalls wird die Signori-Toilette mit einem Gartenschlauch betrieben. Einem trinkwasserfesten Gartenschlauch, der gleichzeitig (haltet Euch fest, denn jetzt wird’s dekadent!) die kleine Spülmaschine und den Wasserhahn für das Spülbecken im Nebenzimmer speist. Die Madame hat nämlich am Wochenende eine gebrauchte Küchenzeile erworben, die sie mit dem Monsieur gleich in das Aufenthaltszimmer, den „Sala Conferenze“ gebaut hat. Der Sala Conferenze ist der einzige Raum, in dem es nicht staubt. Hier sollen sich künftig alle Handwerker, Helfer und Freunde des Hauses aufhalten können.