Besuch vom Stadtarchivar

Ziemlich bald nach dem Kauf des Rappen habe ich den Stadtarchivar angerufen und ihn um historisches Material über das Haus gebeten. Seinerzeit war der Zugang zum Archiv aufgrund von Baumaßnahmen am Ende der Maximilianstraße verschlossen und ich saß die letzten Wochen ziemlich auf Kohlen. Aber heute war es endlich soweit: Herr Steigerwald kam mit einer bunten Tüte an Informationen zu Besuch. Die gute Nachricht: Ich habe eine chronologisch sortiere, namentliche Auflistung der Vorbesitzer des Rappen. Die schlechte Nachricht ist sokratischer Natur: Ich weiß nun, was ich alles nicht weiß. Oder besser gesagt: Ich weiß nun, dass ich mich auf den Hosenboden setzen und mächtig recherchieren muss, um all die zahlreichen Lücken zu schließen, die heute diese eine große abgelöst haben. Bis dato war die Historie ein großes schwarzes Loch. Seit heute blinken überall ein paar Lichtlein, die aber nicht den gesamten Raum ausleuchten. Die für einen Menschenfreund wie mich interessantesten Quellen sind soziologischer Natur und leider nur spärlich gesät. Trotzdem bin ich dem Herrn Archivar überaus dankbar für seine Arbeit, die noch lange nicht zu Ende ist.

Insgesamt 20 Quellen hat Herr Steigerwald bisher untersucht.

Hier ist die erste:

1750

Auf welche Quelle könnte hier wohl zurückgegriffen worden sein?

Auf den Fiskus natürlich: die „Gewschohrne Steurbeschreibung der Churfürstlichen Statt Mündelheim anno 1750“

Der Rappen wurde seinerzeit auf 1000 Gulden geschätzt und sein Besitzer, der Herr Antonj Kerckher musste seinerzeit 2 Gulden und 30 Kreuzer an jährlicher Steuerabgabe abdrücken.  Das war nicht wenig.

Damals trug der Rappen die Hausnummer 125. Straßennamen gab es nur vereinzelt und die Häuser der Stadt wurden einfach durchgezählt und nummeriert. Dies führte dazu, dass der Rappen mehrfach seine Hausnummer wechselte. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts bekam er verbindlich eine Straße mit entsprechender Straßennummer zugewiesen, die Kappelgasse 2.

 

Neue Gastlichkeit

Die letzten 15 Jahre hat der Rappen nur gelegentliche Besucher beherbergt, die Kritzeleien an den Wänden geben Zeugnis und erzählen Geschichten, vom Satan, von Angst oder von der Zeichenwut der Besucher. Bier jedoch wurde hier schon länger nicht mehr ausgeschenkt.

Gedeckte Tische im Rappen

Und so war es an der Zeit, mal wieder die Tische zu decken und ein Fässchen aufzumachen.

Fassbier im Rappen

Was zunächst als gediegener Abend im Kreis geladener Gäste begann, wurde vom elitären Zirkel zu einem ungeplanten Spontanevent mit einer nicht unerheblichen Zahl von Gästen, als die ersten Zaungäste von Draussen durchs Fenster spähten und Einlass begehrten. Kurz und gut: Das Essen ging auf, das Fass wurd leer, und die illustre Runde der geladenen und ungeladenen Gäste hätte am liebsten gleich einen Stammtisch eingerichtet.

Grundlagenbüffäh

Die Rappenwirtin hats gefreut, das Haus nach seinem viele Jahre dauernden Dörnröschenschlaf wieder mit Leben erfüllt zu sehen.

Dem Herrn mit dem rostigen Toyotabus blieb der Kehraus: Kippen, Zigarettenschachteln (Jungs: Wer hat die volle Packung verloren?), Flaschensammeln und ein weiteres Fenster zu vernageln, an das sich wohl ein unachtsamer Besucher etwas zu fest gelehnt hatte.

Von hängenden Schränken und hängenden Schultern

Der Einbau der Küchenzeile im Sala Conferenze ging natürlich nicht ganz ohne irgendeinen Fauxpas von statten. Die Madame war an jenem Abend schon sehr müde und der Monsieur und sie hatten Besuch von einem Freund, der auch schon länger mit der Brauerei liebäugelt und sich die Örtlichkeiten mal ansehen wollte. An jenem Abend floss natürlich auch schon der ein oder andere Tropfen des goldenen Saftes aus Ummenhofen. Es hätte so gemütlich sein können für den Monsieur und den Besuch, hätte sich die Madame nicht in den Kopf gesetzt, unbedingt noch die Hängeschrankzeile der Kücheneinheit zu montieren.

Der Monsieur und der Besuch meckerten ohnehin schon, weil dieser Hängeschrank – ja, ich muss ihnen leider beipflichten – nicht wirklich mit Schönheit übersät ist. Aber was soll´s. Während der Bauphase kann man auf eine gewisse Pragmatik nicht verzichten, denn würde man sich jetzt schon in den ästhetischen Details verlieren, wäre man vermutlich irgendwann so weit, dass man den Handwerkern einen Dresscode auferlegt, bevor sie zur Hilti greifen. Apropos Hilti: Die Madame hat dann kurzerhand die Abstände zwischen den Haken des Hängeschranks ausgemessen und wie von der Tarantel gestochen 8 Löcher mit dem Schlagbohrhammer in die Wand gehauen. Das hat den Besuch erstmal mächtig beeindruckt. Wirkte sie doch so entschlossen und hemdsärmlig mit ihrer frisch installierten Wasserwagen-App, dass man nicht ansatzweise wagte, den positiven Ausgang ihres Vorhabens in Frage zu stellen.

Umso mächtiger flog der Madame dann das Gelächter der Herren um die Ohren, als sie feststellte, dass sie die Löcher spiegelverkehrt in die Wand gebohrt hatte. Herrschaftszeiten! 50 Jahre Emanzipation beim Teufel. Den Klassiker aller Klischees bestätigt. In Gedanken lief sie vor einer mit mahnend erhobenem Krückstock folgenden Alice Schwarzer davon. Und sie tat etwas, was sie schon lange nicht mehr tat. Sie schämte sich. Sie schämte sich für ihre maßlose Ungeduld. Mehr noch für die mangelnde Selbsteinschätzung. Um Mitternacht sollte der Schlagbohrhammer einfach schlafen. Dann hängt halt der Schrank  erstmal nicht, sondern ruht eine Nacht auf der Küchenzeile.

Man bemerke übrigens die Holzvertäfelung der 80er Jahre. Die erinnert mich an meine Kindheit, in der jeder Hausbesitzer, der etwas auf sich hielt, eine Bar in seinen Partykeller zimmerte. Eine Bar im holzvertäfelten Raum. Die Bar im Keller ist mittlerweile out. Die Generation von heute baut lieber Pizzaöfen in den Garten. Ich bin mal gespannt, welche Trends sich im nächsten Jahrzent abzeichnen. Vielleicht ein Hochsitz im eigenen Garten?

Zwischen Größenwahn und Idealismus

St. Silvester in Mindelheim
St. Silvester in Mindelheim

ist kein schmaler Grat, sondern ein dünnes Seil, das zwischen der Silvesterkirche und der Jesuitenkirche gespannt ist und auf dem ich freischwebend tanze – getragen von der Thermik der Euphorie. Den Blick auf den Boden der Realität wage ich an dieser Stelle besser nicht, denn er könnte dafür sorgen, dass mir schwindlig wird und mir am Ende das gleiche Schicksal blüht wie jedem physischen Körper irgendwann: Er fällt parabelförmig zu Boden, wenn die Schwerkraft siegt. Ein wenig ohnmächtig bin ich ohnehin schon, seit ich gestern die ersten Wannen mit Bauschutt durchs Haus geschleppt habe. Gestern war auch der erste Tag, an dem mich Freunde in meiner neuen Errungenschaft besucht haben. Mein Freund Peter, der eigentlich mit allen Wassern gewaschen ist, sah mich an und fragte: „Kann man Dich rückwirkend entmündigen?“ Er war bleich. Und er wirkte auf mich, als könne und wolle er sich noch nicht so recht entscheiden, ob er Mitleid oder Ehrfurcht haben solle. Glücklicherweise nahm ihm der Schock den Entscheidungsdruck ab und er war einfach nur stumm. Ein anderer Freund ging kopfschüttelnd durchs Haus, lachte, murmelte etwas von „großem Tennis“ und nahm mich in den Arm. „Du machst das“, sagte er. Puh, das tat gut! Dann setzten wir uns mit einer Flasche Rössle-Bräu auf die Straße und saugten ein wenig Sonne auf. Wir fragten uns, ob Herr Kunz aus Ummenhofen, der Schöpfer des köstlichen Hopfengetränks, bereit wäre, aus dem Rössle einen Rappen zu machen. Ein namentlich zugeschnittenes Bier fürs Wirtshaus wäre fast schon zu dekadent um wahr zu sein. Kurze Zeit später kam mein Liebster mit unserem rostigen Toyota-Bus angerollt. Wenn das Geräusch der seitlichen Schiebetür unmittelbar auf das Zuknallen der Fahrertür folgt, ist meistens was im Busch. In diesem Fall hatte er – wie so oft –  nur mal wieder die gleiche Idee wie ich: Getränke und Proviant einlagern. Mengenmäßig spielte er allerdings – wie so oft – mal wieder in einer anderen Liga. Bauarbeiter wollen schließlich gut versorgt sein. Größenwahnsinnige Hausbesitzerinnen auch. Und so wanderten die ersten Getränkekisten in den schimmligen Gewölbekeller. Jetzt brauchen wir nur noch Strom, damit das Getränkeholen in Zukunft auch ohne Taschenlampe geht.