Holz vor der Hüttn

In den letzten Tagen haben wir uns den ehemaligen Gastraum vorgeknöpft. Ein netter Hobbybrauer in spe rückte am Sonntag mit Schubkarren und Kuhfuß an und half mir, die Wandvertäfelung zu entfernen. Diese hatte sich über die letzten Jahrzehnte richtig schön vollgesaugt. Mein erster Impuls war, die Teile auszwringen. Die Wand freut sich sichtlich, war es ihr endlich wieder möglich zu atmen. Man konnte fast im Minutentakt beobachten, wie sie sich verfärbte und die Fäulnis wich.

Ohne Holzvertäfelung sah das Ganze zunächst so aus:

Grundbedürfnisse

Wasserhähne aller Couleur und Erhaltungszustände allerorten

Wasser im Keller ist gut – besser ist, wenns oben fliesst. Ein freundlicher Handwerksengel hat inzwischen einen fliegenden Anschluss für die Toilette und eine Küche verlegt und hinter der Schüssel einen Spülkasten verbaut. Aaah. Endlich nicht mehr mit dem Eimer aufs Klo!

Toilette – vorher

Von hängenden Schränken und hängenden Schultern

Der Einbau der Küchenzeile im Sala Conferenze ging natürlich nicht ganz ohne irgendeinen Fauxpas von statten. Die Madame war an jenem Abend schon sehr müde und der Monsieur und sie hatten Besuch von einem Freund, der auch schon länger mit der Brauerei liebäugelt und sich die Örtlichkeiten mal ansehen wollte. An jenem Abend floss natürlich auch schon der ein oder andere Tropfen des goldenen Saftes aus Ummenhofen. Es hätte so gemütlich sein können für den Monsieur und den Besuch, hätte sich die Madame nicht in den Kopf gesetzt, unbedingt noch die Hängeschrankzeile der Kücheneinheit zu montieren.

Der Monsieur und der Besuch meckerten ohnehin schon, weil dieser Hängeschrank – ja, ich muss ihnen leider beipflichten – nicht wirklich mit Schönheit übersät ist. Aber was soll´s. Während der Bauphase kann man auf eine gewisse Pragmatik nicht verzichten, denn würde man sich jetzt schon in den ästhetischen Details verlieren, wäre man vermutlich irgendwann so weit, dass man den Handwerkern einen Dresscode auferlegt, bevor sie zur Hilti greifen. Apropos Hilti: Die Madame hat dann kurzerhand die Abstände zwischen den Haken des Hängeschranks ausgemessen und wie von der Tarantel gestochen 8 Löcher mit dem Schlagbohrhammer in die Wand gehauen. Das hat den Besuch erstmal mächtig beeindruckt. Wirkte sie doch so entschlossen und hemdsärmlig mit ihrer frisch installierten Wasserwagen-App, dass man nicht ansatzweise wagte, den positiven Ausgang ihres Vorhabens in Frage zu stellen.

Umso mächtiger flog der Madame dann das Gelächter der Herren um die Ohren, als sie feststellte, dass sie die Löcher spiegelverkehrt in die Wand gebohrt hatte. Herrschaftszeiten! 50 Jahre Emanzipation beim Teufel. Den Klassiker aller Klischees bestätigt. In Gedanken lief sie vor einer mit mahnend erhobenem Krückstock folgenden Alice Schwarzer davon. Und sie tat etwas, was sie schon lange nicht mehr tat. Sie schämte sich. Sie schämte sich für ihre maßlose Ungeduld. Mehr noch für die mangelnde Selbsteinschätzung. Um Mitternacht sollte der Schlagbohrhammer einfach schlafen. Dann hängt halt der Schrank  erstmal nicht, sondern ruht eine Nacht auf der Küchenzeile.

Man bemerke übrigens die Holzvertäfelung der 80er Jahre. Die erinnert mich an meine Kindheit, in der jeder Hausbesitzer, der etwas auf sich hielt, eine Bar in seinen Partykeller zimmerte. Eine Bar im holzvertäfelten Raum. Die Bar im Keller ist mittlerweile out. Die Generation von heute baut lieber Pizzaöfen in den Garten. Ich bin mal gespannt, welche Trends sich im nächsten Jahrzent abzeichnen. Vielleicht ein Hochsitz im eigenen Garten?

Lärm auf dem stillen Örtchen

Nun da mit der Einrichtung des Baustroms der zweite Schritt in die Zivilisation getan war, konnten wir uns getrost einer weiteren großen gesellschaftlichen Errungenschaft widmen: Dem stillen Örtchen.

Dank des netten und weit über den Tellerrand blickenden Elektrikers aus Stetten, der obendrein noch Klempner ist, haben wir seit dem 4. Mai nicht nur Strom, sondern auch ein funktionierendes Klo. Die alte Signori-Herrentoilette wurde am selben Tag von den freundlichen Mitarbeitern des Elektroklempners in Betrieb genommen. Mühselig habe ich am Tag davor die alten Pissoirs abgeschlagen. Eigentlich wollte ich sie klassisch abmontieren – wie sich das eben gehört, wenn man eine gewisse Ehrfurcht hat vor der Ganzheit der gefertigten Dinge hat. Doch spätestens am Wertstoffhof hätte ihnen das gleiche Schicksal geblüht wie dann letztlich doch im Signori-Klo. Übrig bleibt am Ende nur ein Scherbenhaufen. Also folgte ich dem Rat des pragmatisch denkenden Elektroklempners und griff zum Hammer. Und ich kann nicht leugnen, dass mir das Abschlagen doch eine gewisse Freude bereitet hat. Eine befreiende Freude. Eine von der Art, die man empfindet, wenn man erfolgreich einen Pickel ausgedrückt oder sich anderweitig entledigt hat. Hier will ich nun aber gar nicht weiter ins Detail gehen.

Wirft man einen Blick auf die Pissoirs und richtet diesen etwas nach unten, wird das geschulte, männliche Auge eine Einrichtung erkennen, die vom Volksmund gern als „Piss-Rinne“ bezeichnet wird. Diese führte zumindest bei den bisherigen männlichen Besuchern zu leuchtenden Augen und löste Visionen aus, die für die Madame wie für alle anderen Frauenzimmer der westlichen Welt äußerst unangenehmer Natur sind. Denkt gar nicht daran, Männer! Jahrzente von sanitärer Zivilisationsgeschichte wären umsonst gewesen. An dieser Stelle muss ich an Norbert Elias denken, den Soziologen, der den Prozess der Zivilisation als „die Umsetzung von Fremdzwängen ins Selbstzwänge“ versteht. Das heißt, meine lieben Frauen, dass die Männer, die mehr oder weniger freiwillig zum Club der Sitzpinkler konvertiert haben, zwar ein Paradebeispiel für ein zivilisiertes Dasein darstellen, die Piss-Rinne aber folglich zum Symbol der längst überfälligen Revolution vieler Pantoffelhelden mutieren könnte und eine Gegenbewegung zur Emanzipation lostreten würde. Genug von den Horrorszenarien!

Jedenfalls wird die Signori-Toilette mit einem Gartenschlauch betrieben. Einem trinkwasserfesten Gartenschlauch, der gleichzeitig (haltet Euch fest, denn jetzt wird’s dekadent!) die kleine Spülmaschine und den Wasserhahn für das Spülbecken im Nebenzimmer speist. Die Madame hat nämlich am Wochenende eine gebrauchte Küchenzeile erworben, die sie mit dem Monsieur gleich in das Aufenthaltszimmer, den „Sala Conferenze“ gebaut hat. Der Sala Conferenze ist der einzige Raum, in dem es nicht staubt. Hier sollen sich künftig alle Handwerker, Helfer und Freunde des Hauses aufhalten können.

 

Wir haben Wasser

Bauwasser. Nur Bauwasser. Immerhin Bauwasser. Auf Anraten des freundlichen Mannes vom Wasserwerk „vorerst bitte nur“ Bauwasser. Ich mag die Männer vom Wasserwerk. So wie ich auch die meisten Männer vom Bauhof mag. Die wirken immer so aufgeräumt. Das liegt vielleicht auch daran, dass sie ganz genau wissen, dass ohne sie nichts läuft. Diese Männer haben in meinen Augen die geringste Affinität zu Sinnkrisen. Wenn mal etwas nicht so läuft, mault man halt mal rum, trinkt vielleicht am Abend ein Bierchen mehr und dann isses aber wieder gut. Beneidenswert. Dieses Maß an unspektakulärer Unkompliziertheit. Das mag jetzt freilich auch einfach nur meiner geschlechtsspezifischen Wahrnehmung geschuldet sein. Am Ende des Tages ist womöglich jeder Mann so, wenn man ihn nur lässt? Und wenn die dramenbehafteten Damen mit der Zeit weder fad noch hysterisch werden? Hilfe, Gedankenexkurs! Schnell zurück zum Wasser:

Der Wasseranschluss befindet sich – wie das flüssige Gold – ebenfalls im schimmligen Gewölbekeller. Falls sich jemand fragt, wo im Sommer die ganzen Mücken herkommen – voilá. Hier befindet sich eine der führenden Produktionsstätten Mindelheims. Feucht und ungestört kann hier die neue Generation heranwachsen. Die Generation Blutsauger. Doch ein weit faszinierenderes Element dieses Kellers ist die Bierluke: Ein mit einer in den Bürgersteig eingelassenen Eisenklappe abgedecktes Loch vor dem Haus, durch das man früher die Fässer nach unten gerollt hat. Auch die Kühlanlage befindet sich noch vor Ort. Allerdings hat der Zahn der Zeit schon etwas Lack abgenagt und durch Rost ersetzt, der farblich immerhin sehr facettenreich daherkommt.

Als mir unweigerlich die Frage in den Sinn kam, wie ich denn dieses Ding nach oben kriegen kann, um es zu entsorgen, schickte ich schnell eine Botschaft an das Entscheidungszentrum meines Gehirns, welches dafür sorgte, dass sich mein Körper und mein Blick wieder dem neuen Wasserhahn zuwandten. Dem wunderschönen, neuen Bauwasserhahn. Ich füllte einen Eimer mit Wasser und trug ihn nach oben in die Damentoilette. Im Vergleich zum Männerklo war diese noch relativ gut in Schuss. Auf dem Männerklo sah es wüst aus. Die Kloschüssel wurde herausgerissen, der Kondomautomat aufgebrochen und die rote Tapete hing von der Wand. Das einzig versöhnliche Element dieser Räuberhöhle war das Schild an der Tür. Signori.  Süß. Das hatte vermutlich der letzte Pächter des Rappen, ein italiensicher Gastwirt angebracht. „La Grotta“ hieß das Lokal seinerzeit. Wie dem auch sei. Die Grotta hat jetzt Wasser. Halleluja. Das war der erste Schritt zurück in die Zivilisation. Mögen die anderen bald folgen.

Zwischen Größenwahn und Idealismus

St. Silvester in Mindelheim
St. Silvester in Mindelheim

ist kein schmaler Grat, sondern ein dünnes Seil, das zwischen der Silvesterkirche und der Jesuitenkirche gespannt ist und auf dem ich freischwebend tanze – getragen von der Thermik der Euphorie. Den Blick auf den Boden der Realität wage ich an dieser Stelle besser nicht, denn er könnte dafür sorgen, dass mir schwindlig wird und mir am Ende das gleiche Schicksal blüht wie jedem physischen Körper irgendwann: Er fällt parabelförmig zu Boden, wenn die Schwerkraft siegt. Ein wenig ohnmächtig bin ich ohnehin schon, seit ich gestern die ersten Wannen mit Bauschutt durchs Haus geschleppt habe. Gestern war auch der erste Tag, an dem mich Freunde in meiner neuen Errungenschaft besucht haben. Mein Freund Peter, der eigentlich mit allen Wassern gewaschen ist, sah mich an und fragte: „Kann man Dich rückwirkend entmündigen?“ Er war bleich. Und er wirkte auf mich, als könne und wolle er sich noch nicht so recht entscheiden, ob er Mitleid oder Ehrfurcht haben solle. Glücklicherweise nahm ihm der Schock den Entscheidungsdruck ab und er war einfach nur stumm. Ein anderer Freund ging kopfschüttelnd durchs Haus, lachte, murmelte etwas von „großem Tennis“ und nahm mich in den Arm. „Du machst das“, sagte er. Puh, das tat gut! Dann setzten wir uns mit einer Flasche Rössle-Bräu auf die Straße und saugten ein wenig Sonne auf. Wir fragten uns, ob Herr Kunz aus Ummenhofen, der Schöpfer des köstlichen Hopfengetränks, bereit wäre, aus dem Rössle einen Rappen zu machen. Ein namentlich zugeschnittenes Bier fürs Wirtshaus wäre fast schon zu dekadent um wahr zu sein. Kurze Zeit später kam mein Liebster mit unserem rostigen Toyota-Bus angerollt. Wenn das Geräusch der seitlichen Schiebetür unmittelbar auf das Zuknallen der Fahrertür folgt, ist meistens was im Busch. In diesem Fall hatte er – wie so oft –  nur mal wieder die gleiche Idee wie ich: Getränke und Proviant einlagern. Mengenmäßig spielte er allerdings – wie so oft – mal wieder in einer anderen Liga. Bauarbeiter wollen schließlich gut versorgt sein. Größenwahnsinnige Hausbesitzerinnen auch. Und so wanderten die ersten Getränkekisten in den schimmligen Gewölbekeller. Jetzt brauchen wir nur noch Strom, damit das Getränkeholen in Zukunft auch ohne Taschenlampe geht.